Literarisches

Ein Mann, ein Leben

 

Seine Frau sah aus wie eine verschrumpfte Mumie, erstarrt in ihrer eigenen Wichtigkeit. Die Welt drehte sich um sie, und nur um sie. Sie duldete niemanden neben sich. Alles Neue, was auf sie zukam, wurde eingestuft: Bestätigte es sie, oder stellte es sie in Frage? Meistens letzteres. Und dann war da noch zu klären, ob man es auf den Müll werfen konnte. Wenn ja, weg damit! Aber was macht man mit einem Schwiegersohn? Was mit dem Mann der einzigen Schwester? „Der Drecksack!“ Leider musste sie beide ertragen, zähneknirschend. Die Geschwister des Mannes hatte sie schon 30 Jahre lang nicht gesehen. „Ist auch nicht schade drum“, meinte sie. Er fand das auch. Sie blickte wie eine mumifizierte Siegergöttin. Früher was sie wohl hübsch gewesen. Ihren Mann hatte sie auch gleich begehrenswert gefunden, er hatte so schöne gesunde Zähne. Ein kräftiger Mann, der wäre der Richtige für mich, dachte sie sich. Und er war dankbar. Sie führte ihn in ihre Familie ein, stellte ihn vor. Eine richtige Familie, das war er nicht gewöhnt, aber er sehnte sich danach. Sie heirateten, und er war stolz auf sich und dankbar, dass sie ihn nahm, mitten im Krieg. Alles konnte schließlich passieren, er war Soldat, in Afrika. Nach der Hochzeit wartete sie 6 Jahre lang auf ihn, bis er aus der Gefangenschaft zurückkam. Wieder war er dankbar, dass sie auf ihn gewartet hatte. Ob er von sich aus dankbar war, oder erfüllte er nur ihre Forderung? Später forderte sie immer Dankbarkeit ein, von ihrer Tochter und ihren Enkeln. Ob das in ihrer Jugend anders war? Wohl kaum. Auf alten Fotos sah man ein ebenmäßiges Gesicht, das wenig lebendig wirkte, schon damals.

Ihr Mann jedenfalls fand sie schön, damals, am Anfang. Es ist eine Schwäche der Jugend, sich bei der Beurteilung von Schönheit zu verschätzen. Was ihrem Ideal entspricht, das sei schön, glauben sie. Aber ein Ideal ist ein Bild, stellt sich irgendwann heraus. Nur ein Bild! Wer kann auf Dauer ein Bild lieben? Immerhin kann man sich arrangieren. Die Frustration herunterschlucken. Diese Enttäuschung, wenn die Täuschung sich nicht aufrechterhalten lässt! Doch als die Krise kam, unvermeidlich wie ein Regentag im Urlaub, da war es zu spät. Man hatte sich schon eingerichtet, der Geist war eingezäunt. Er konnte nicht raus, sie hatte schließlich Jahre auf ihn gewartet. Die da oben, die waren zu allem imstande, aber der einfache Mann, wir da unten, wir wussten schon immer und wissen immer noch, was Anstand heißt. Man muss eben auch mal die Zähne zusammenbeißen, muss die Faust in der Tasche machen. So ist das Leben! Da machste nix dran. Aber kneifen gilt nicht, das haben sie früh gelernt, in der Hitlerjugend, in der Wehrmacht, auch zu Hause. Die privaten und politischen Ideale lagen damals wohl nicht so weit auseinander.

Er war jedenfalls gefangen, im Netz seiner Frau eingesponnen, mit Liebe und Fürsorge. Und er genoss es, das hatte er gesucht, das hatte er vermisst, als Kind. Die Mutter war nett, sie ging putzen und ernährte so die Familie. Der Vater war arbeitslos und unangenehm. Weil er in der Nazizeit die Internationale auf der Trompete spielte, am offenen Fenster, lieferte man ihn in eine Nervenklinik ein. Dort ist er „eines natürlichen Todes“ gestorben, war nicht schade drum.

Dem Sohn hatten nur zwei Menschen etwas bedeutet: seine Mutter und seine Frau.

Männer waren bedrohlich und unangenehm, sie waren bedrohliche Väter, gegnerische Soldaten, unangenehme Vorgesetzte, widerliche Schwiegersöhne, kurz eine Belastung, auf die er gerne verzichtet hätte.

 

Nur zwei Frauen hatten sein Leben erträglich gemacht. Seine Tochter hätte die dritte sein können, wenn sie nur gewollt hätte. Leider war sie eine große Enttäuschung für ihn.